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Dr. med. Rahel Schwotzer

10. Dezember 2021

Interview mit Dr. med. Rahel Schwotzer
Oberärztin meV Hämatologie Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie, USZ Zürich

Hereditäre Amyloidose – frühzeitige Diagnose ist essentiell

RNAi-Therapeutikum und Amyloidose-Netzwerk USZ

Keywords: Hereditäre Amyloidose, hATTR, TTR-Gen, RNA-Interferenz, RNAi-Therapeutikum, Polyneuropathie, Amyloid-Ablagerungen, Amyloidose-Netzwerk USZ, Patisiran

Take Home Messages
  • Patisiran ist das erste in der Schweiz zugelassene RNAi-Therapeutikum für die Behandlung der hereditären Transthyretin-Amyloidose (hATTR-Amyloidose) bei Erwachsenen mit Polyneuropathie der Stadien 1 und 21
  • Bei Patienten mit hereditärer ATTR-Amyloidose verbesserte die Behandlung mit Patisiran im Vergleich zu Placebo die Polyneuropathie und die Lebensqualität signifikant2
  • Das Amyloidose-Netzwerk USZ ist das Kompetenz- und Referenzzentrum für Zuweiser in der Region
  • Bei Verdacht auf hATTR-Amyloidose empfiehlt sich eine Überweisung an das Amyloidose-Netzwerk USZ zur raschen Diagnose und zum frühzeitigen Therapiebeginn

Was hat sich seit der Einführung von Patisiran zur Behandlung der hereditären Transthyretin-(hATTR)-Amyloidose in Ihrem Spital verändert?

Früher wurden die Betroffenen neben den Neurologen hauptsächlich von Gastroenterologen und Chirurgen betreut, da die Lebertransplan­tation die einzige Therapie zur Stabilisierung der Erkrankung darstellte. Dank Patisiran, einem RNA-Interferenz (RNAi)-Therapeutikum, ­können wir den Patienten eine weitere ­Therapieoption anbieten. Durch die veränderte Behandlung benötigen wir heute andere Disziplinen bei den behandelnden Ärzten. Im Amyloidose-­Netzwerk sind heute überwiegend Kardiologen, Neurologen und ÄrztInnen der Tages­klinik USZ (in meinem Fall eine Hämatologin) involviert.

Warum ist es für Ihre KollegInnen wichtig, PatientInnen mit einer hATTR-Amyloidose frühzeitig zu erkennen und einer gezielten Behandlung zuzuführen?

Die hATTR-Amyloidose geht ohne Behandlung mit einer extrem ­hohen Morbidität, Einschränkung der Lebensqualität und letztendlich Morta­lität einher.3 Mit Patisiran steht nun ein Medikament mit einem akzeptablen Nebenwirkungsprofil zur Verfügung. Es ist eine Infusion alle drei Wochen nötig.1 Mit dem Medikament können wir die schädliche Genmutation stumm schalten und so in einer Mehrheit der Patienten die Lebensqualität verbessern. Der Behandlungserfolg ist aber stark abhängig vom Zeitpunkt der Diagnose. Je früher wir die Therapie beginnen, ­desto günstiger ist der zu beobachtende Verlauf.

Welches sind die wichtigsten diagnostischen Kriterien für das Vorliegen einer hATTR-Amyloidose?

Besteht eine positive Familienanamnese, empfehlen wir bei symptomatischen Patienten unbedingt die genetische Abklärung. Ein Gentest liefert einfach und rasch die gesicherte Diagnose. Die hATTR-Amyloidose hat ein Vererbungsrisiko von 50%. Bei einer Mutation des TTR-Gens bricht die Krankheit immer aus, bei einigen Patienten sehr früh (early onset) und bei anderen erst später im Leben (late onset).4 Die Manifestation der Krankheit ist abhängig vom Mutations-Typ und zeigt sich individuell sehr verschieden. Die häufigste Variante, der portugiesische Val50Met Typ, macht sich meistens mit einer rasch fortschreitenden axonaler sensorisch-motorischen Polyneuropathie, oft begleitet von Symptomen des autonomen Nervensystems wie orthostatische Hypotonie, Stuhldysregulation oder erektile Dysfunktion bemerkbar. Häufige andere Ursachen, wie Vitamin-B12-Mangel, Diabetes mellitus oder übermässiger Alkoholkonsum müssen ausgeschlossen werden. Weiter liegen oft kardiale Symptome, sowie Weichteilbefall mit beid­­seitigem Karpaltunnelsyndrom vor. Ein Augenbefall mit Nebelsehen oder eine Niereninsuffi­zienz sind auch möglich, jedoch nicht so häufig.

Welchen Einfluss auf die Lebensqualität konnten Sie bei ­PatientInnen mit einer hATTR-Amyloidose unter einer Patisiran-Therapie feststellen?

Subjektiv beurteilt geht es allen bei uns behandelten Patienten besser. Da wir die hATTR-Kohorte im Amyloidose-Netzwerk USZ erst seit einem Jahr gebündelt sehen, gibt es noch keine ausgewerteten Follow-up-Daten. Die Fortschritte sind aber mit Verbesserung der muskulären Funktion, Gewichtszunahme und weniger Schmer­zen klar sichtbar. Teilweise sind die Betroffenen voll arbeitsfähig oder können an Reintegrations­programmen teilnehmen, was vorher undenkbar war. Die hohe Therapieadhärenz der Patienten zeigt uns auch, wie sie selbst die Verbesserungen wahrnehmen. Wir sehen einen positiven Einfluss auf deren Lebensqualität.

Welche Rolle hat das Amyloidose-Netzwerk USZ in Bezug auf die Diagnose und Therapie von PatientInnen mit einer hATTR-Amyloidose und der Zusammenarbeit mit den zuweisenden ÄrztInnen?

Wir möchten ein Referenz- und Kompetenzzentrum sein, aber auch Dienstleistung anbieten. Die Patienten können zu jedem Zeitpunkt in der diagnostischen Abklärung zu uns kommen. Je nach Bedürfnis beraten wir, leiten die Therapie ein oder schauen mit den Zuweisern, ob eine Behandlung auch in der Nähe des Wohnorts möglich ist. Eine gute Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten ist wichtig. Wir übernehmen für sie die Diagnostik und die administrativen Arbeiten wie die Abklärung der Kostenübernahme der Mutationsanalyse oder der Therapie mit der Krankenkasse. Bei einer komplexen Krankheit wie der hATTR-Amyloidose sind viele Spezialisten nötig. Unser Netzwerk ermöglicht den Zugang zu diesen unterschiedlichen Fachpersonen an einem Ort, was eine grosse Erleichterung ist.

Welche Fachdisziplinen sind im Amyloidose-Netzwerk USZ vertreten?

Da die Amyloidose unterschiedliche Krankheits­manifestationen hat, sind verschiedenste Spezia­listen wie Kardiologen, Hämatologen, Neurologen, Nephrologen, Gastroenterologen, Pathologen, Genetiker und auch Spezialisten in den bildgebenden Verfahren/Imaging (u. a. Nuklearmediziner) involviert. Weitere Informationen zum Amyloidose-Netzwerk des ­Universitätsspitals Zürich finden Sie auf unserer Website.
 

Red Flags und Vorgehen bei einer hATTR-Amyloidose

Die hATTR-Amyloidose ist eine autosomal-dominant vererbbare, multisystemische ­­Erbkrankheit, die selten bei Erwachsenen auftritt. Es existieren verschiedene Mutationen, die zu Amyloid-Ablagerungen führen und folglich die Funktionalität des ­Nerven- und Organ-Systems ­beeinträchtigen.

  • Red Flags: Familienanamnese, gastro­intestinale und kardiale Symptome, Polyneuropathie, Niereninsuffizienz, Glaskörpertrübung
  • Mutations-Identifizierung im TTR-Gen mit molekular­genetischem Test
  • Differenzialdiagnose hATTR-Amyloidose versus Polyneuro­pathie (PNP) anderer Ätiologie
  • Zusammenarbeit mit dem Amyloidose-Netzwerk USZ
  • Frühzeitige und regelmässige Therapie mit Patisiran

Literatur

2 Obici L, et al. Quality of life outcomes in ­APOLLO, the phase 3 trial of the RNAi therapeutic patisiran in patients with hereditary transthyretin-mediated amyloidosis. Amyloid. 2020 Sep; 27 (3): 153–162.
3 Benson MD, Teague SD, Kovacs R, Feigenbaum H, Jung J, Kincaid JC. Rate of progression of transthyretin amyloidosis. Am J Cardiol 2011; 108: 285-289.
4 Luigetti M, et al. Diagnosis and Treatment of Hereditary Transthyretin Amyloidosis (hATTR) Polyneuro­pathy: Current Perspectives on Improving Patient Care. Ther Clin Risk Manag. 2020; 16: 109-123. Published 2020 Feb 21.

Nov 2021 TTR02-CHE-00125